Epilepsie betrifft schätzungsweise jeden 130. Hund — und für viele Halter ist der erste Anfall einer der erschreckendsten Momente, die sie mit ihrem Hund erleben. Pexion ist das erste Antiepileptikum, das speziell für Hunde entwickelt wurde, und es hat in den letzten Jahren auch eine zweite Zulassung bekommen: für Lärmangst. Was das Medikament kann, wie es dosiert wird, welche Nebenwirkungen wirklich auftreten und was du zu Silvester wissen musst — das findest du hier.
- Verschreibungspflichtig: Pexion ist ein Tierarzneimittel und nur über den Tierarzt erhältlich — kein Ersatz für eine Diagnose.
- Zwei Anwendungsgebiete: Idiopathische Epilepsie (Dauertherapie) und Lärmangst/Silvester (Kurzzeitgabe).
- Wirkstoff: Imepitoin — ein partieller Benzodiazepin-Agonist, kein klassisches Barbiturat.
- Dosierung Epilepsie: 10–30 mg/kg zweimal täglich, individuell angepasst.
- Dosierung Lärmangst: 30 mg/kg zweimal täglich, 2 Tage vor dem Ereignis beginnen.
- Nebenwirkungen: Meist mild — häufigste Dauererscheinung ist gesteigerter Hunger.
- Kein Leberrisiko: Anders als Phenobarbital verursacht Imepitoin keine Hepatotoxizität.
Was ist Pexion und wie wirkt es?
Pexion ist der Handelsname für den Wirkstoff Imepitoin. Es wurde von Boehringer Ingelheim speziell für Hunde entwickelt und ist in der EU für zwei Indikationen zugelassen: die Langzeitbehandlung idiopathischer Epilepsie und die Kurzzeitbehandlung von Angst und Phobie im Zusammenhang mit Lärm.
Der Mechanismus ist interessant, weil er sich von klassischen Antiepileptika unterscheidet. Imepitoin bindet als niedrig-affiner partieller Agonist an die Benzodiazepin-Bindungsstelle des GABA-A-Rezeptors[7]. Das bedeutet: Es aktiviert denselben Rezeptor wie Diazepam oder Phenobarbital — aber schwächer und ohne die starke Sedierung. In Tiermodellen zeigte Imepitoin anxiolytische Effekte, und die dafür nötige Dosis lag mindestens zehnmal unter der sedierenden Dosis[7]. Das erklärt, warum Hunde unter Pexion in der Regel noch ansprechbar und mobil bleiben.
Zusätzlich blockiert Imepitoin spannungsabhängige Kalziumkanäle, was zur antikonvulsiven Wirkung beiträgt. Die Kombination beider Mechanismen macht es zu einem Wirkstoff, der weder reines Benzodiazepin noch reines Antiepileptikum im klassischen Sinne ist.
Pexion bei Epilepsie: Wirkung und Vergleich mit Phenobarbital
Phenobarbital gilt seit Jahrzehnten als Goldstandard bei caniner Epilepsie. Pexion ist kein Ersatz dafür — aber eine echte Alternative für bestimmte Hunde, besonders zu Beginn der Therapie.
In einer multizentrischen, verblindeten randomisierten Studie zeigte Imepitoin eine vergleichbare Anfallskontrolle wie Phenobarbital — bei signifikant weniger Nebenwirkungen und ohne Hepatotoxizität[1]. Das ist klinisch relevant, weil Phenobarbital langfristig die Leber belasten kann und regelmäßige Blutkontrollen erfordert.
Wie gut Pexion wirkt, hängt stark von der Dosis ab. In einer randomisierten Langzeitstudie war die Hochdosis (30 mg/kg zweimal täglich) der Niedrigdosis (1 mg/kg) deutlich überlegen: 32–47 % der Hunde blieben bis zu 6 Monate frei von generalisierten tonisch-klonischen Anfällen, ohne dass Leberenzyme anstiegen[3]. Der mediane Rückgang der Anfallsfrequenz über alle Hunde lag bei 45 %[8].
Für Hunde mit schwer kontrollierbarer Epilepsie oder häufigen Status-epilepticus-Episoden ist Phenobarbital meist die stärkere Wahl. Pexion eignet sich besonders für neu diagnostizierte Hunde mit milder bis moderater Anfallshäufigkeit, für Hunde mit Lebervorerkrankungen oder für Fälle, in denen die Halter die Nebenwirkungen von Phenobarbital vermeiden möchten.
„Idiopathisch“ heißt: keine nachweisbare strukturelle Ursache im Gehirn. Der Hund hat Anfälle, aber kein Tumor, keine Entzündung, kein Trauma erklärt sie. Es handelt sich meist um eine genetisch bedingte Anfallsbereitschaft. Pexion ist ausschließlich für diese Form zugelassen — nicht für symptomatische Epilepsie durch Hirnläsionen oder metabolische Ursachen.
Dosierung bei Epilepsie
Die Dosierung wird immer vom Tierarzt festgelegt und individuell angepasst. Die folgende Tabelle zeigt die zugelassenen Dosierungsbereiche:
| Phase | Dosis | Frequenz | Hinweis |
|---|---|---|---|
| Startdosis | 10 mg/kg | 2× täglich (alle ~12 h) | Einschleichen, Verträglichkeit prüfen |
| Zieldosis | 30 mg/kg | 2× täglich (alle ~12 h) | Wenn Anfallskontrolle unzureichend |
| Maximaldosis | 30 mg/kg | 2× täglich | Nicht überschreiten |
Pexion-Tabletten gibt es in zwei Stärken: 100 mg und 400 mg. Der Tierarzt berechnet die Dosis nach dem Körpergewicht und passt sie nach 6–8 Wochen an, wenn die Anfallskontrolle noch nicht ausreicht.
Ein Hinweis zur Bioverfügbarkeit: Laut Fachinformation ist die Aufnahme höher, wenn Pexion auf nüchternen Magen gegeben wird. In der Praxis tolerieren viele Hunde das gut — bei Magenempfindlichkeit kann es aber sinnvoll sein, die Tablette mit einer kleinen Menge Futter zu geben. Das sollte mit dem Tierarzt besprochen werden.
- Anfallsserie: Zwei oder mehr Anfälle innerhalb von 24 Stunden → Notfall.
- Status epilepticus: Anfall dauert länger als 5 Minuten → sofort Notaufnahme.
- Starke Ataxie oder Kollaps nach Gabe von Pexion → Dosis zu hoch, sofort Rücksprache.
- Abruptes Absetzen: Pexion nie ohne Rücksprache abrupt absetzen — Rebound-Anfälle möglich.
- Kein Ansprechen nach 6–8 Wochen: Therapieanpassung nötig, nicht eigenständig erhöhen.
Pexion bei Lärmangst und Silvester
Das ist der Teil, der viele Halter überrascht: Pexion hat seit 2020 auch eine EU-Zulassung zur Behandlung von Angst und Phobie bei Hunden, die durch Lärm ausgelöst wird — also Silvester, Gewitter, Baustellen.
In einer großen randomisierten Doppelblindstudie reduzierte Imepitoin (30 mg/kg zweimal täglich über 3 Tage) Angst- und Phobieverhalten bei Hunden mit Feuerwerksangst signifikant gegenüber Placebo[2]. Eine weitere RCT bestätigte die Wirkung bei Gewitterangst: Angst-Scores sanken signifikant in Woche 2 und 4, häufigste Nebenwirkung war Ataxie[4].
Wichtig: Pexion dämpft die Angstreaktion, macht den Hund aber nicht sediert oder „weggetreten“. Das ist ein echter Unterschied zu Beruhigungsmitteln wie Acepromazin, das zwar ruhig stellt, aber die Angst nicht reduziert — der Hund ist dann still und trotzdem verängstigt.
| Anwendung | Dosis | Beginn | Dauer |
|---|---|---|---|
| Silvester/Feuerwerk | 30 mg/kg 2× täglich | 2 Tage vor dem Ereignis | Bis 1 Tag nach dem Ereignis |
| Gewitter (saisonal) | 30 mg/kg 2× täglich | Vor der Gewittersaison | Laut tierärztlicher Empfehlung |
Pexion ersetzt keine Verhaltenstherapie. In einer Fallserie zeigte die Kombination aus Imepitoin und Verhaltensmodifikation rasche Verbesserungen — und 76,5 % der Halter setzten die Behandlung nach Studienende auf eigene Kosten fort[5]. Das spricht für eine subjektiv wahrgenommene Wirkung, die über Placebo hinausgeht.
Pexion lindert die akute Angstreaktion. Es konditioniert den Hund nicht um und beseitigt die Phobie nicht dauerhaft. Für eine langfristige Verbesserung braucht es Desensibilisierungstraining — idealerweise mit einem Tierverhaltensspezialisten. Pexion kann diesen Prozess begleiten und erleichtern, aber nicht ersetzen.
Nebenwirkungen: Was wirklich passiert
Das ist der Bereich, zu dem online am wenigsten zu finden ist — und der für viele Halter am wichtigsten ist. Hier die ehrliche Einordnung, basierend auf den Studiendaten:
- Gesteigerter Hunger (Polyphagie): Die häufigste chronische Nebenwirkung unter Dauermedikation. Viele Hunde fressen mehr und betteln stärker. Gewichtskontrolle ist wichtig.
- Ataxie (Koordinationsstörungen): Vor allem zu Beginn oder bei Dosiserhöhung. Meist vorübergehend. Bei anhaltender Ataxie Dosis überprüfen lassen.
- Schläfrigkeit: Besonders in den ersten Tagen. Klingt bei den meisten Hunden nach 1–2 Wochen ab.
- Erbrechen oder weicher Kot: Gelegentlich, besonders auf nüchternen Magen.
- Gesteigerter Durst und Urinabsatz: Seltener als unter Phenobarbital, aber möglich.
- Keine Hepatotoxizität: Im Gegensatz zu Phenobarbital wurden in keiner Studie erhöhte Leberenzyme unter Imepitoin beobachtet. Regelmäßige Blutkontrollen sind trotzdem sinnvoll.
- Kein Abhängigkeitspotenzial: Imepitoin ist kein klassisches Benzodiazepin und erzeugt keine Toleranz im klassischen Sinne.
- Keine Sedierung bei therapeutischer Dosis: Hunde bleiben in der Regel wach, ansprechbar und aktiv.
Nebenwirkungen sind laut systematischer Übersichtsarbeit meist mild und vorübergehend[6]. Das deckt sich mit dem, was Halter berichten: Die ersten zwei Wochen können holprig sein, danach stabilisiert sich das Bild bei den meisten Hunden.
Erfahrungen aus der Praxis
Was Halter häufig berichten, deckt sich gut mit den Studiendaten: Der Hunger ist das, was die meisten am stärksten auffällt. Hunde, die vorher mäßig interessiert an Futter waren, werden unter Pexion manchmal zu echten Bettlern. Das ist kein Zeichen, dass etwas schiefläuft — aber es erfordert Disziplin bei der Fütterung, sonst schleicht sich Übergewicht ein.
Die Anfallskontrolle wird von vielen als gut bewertet, aber nicht von allen. Pexion ist kein Allheilmittel — bei Hunden mit häufigen schweren Anfällen reicht es manchmal nicht aus, und der Tierarzt muss auf Phenobarbital oder eine Kombinationstherapie wechseln. Das ist keine Niederlage, sondern Medizin.
Bei Silvester und Gewitter ist das Feedback gemischter. Manche Hunde zeigen eine deutliche Verbesserung, andere weniger. Das entspricht den Studienergebnissen: Pexion wirkt auf Gruppenebene signifikant, aber nicht bei jedem Hund gleich stark. Wer es ausprobieren will, sollte es nicht zum ersten Mal in der Silvesternacht geben — ein Probelauf vorher zeigt, wie der eigene Hund reagiert.
Kosten
Pexion ist ein verschreibungspflichtiges Markenmedikament. Die Preise variieren je nach Apotheke und Packungsgröße:
| Packung | Tablettenstärke | Ungefährer Preis |
|---|---|---|
| 30 Tabletten | 100 mg | ca. 25–35 € |
| 30 Tabletten | 400 mg | ca. 55–75 € |
| 90 Tabletten | 400 mg | ca. 130–160 € |
Für einen mittelgroßen Hund (25 kg) bei 30 mg/kg zweimal täglich bedeutet das etwa 1.500 mg pro Tag — also fast vier 400-mg-Tabletten täglich. Die Monatskosten können sich auf 150–200 € summieren. Tierarztkosten für Erstdiagnose, Blutbild und Kontrolluntersuchungen kommen hinzu. Eine Tierkrankenversicherung, die Medikamente einschließt, kann sich hier rechnen.
Was passiert, wenn Pexion nicht gegeben wird?
Bei Epilepsie: Unkontrollierte Anfälle sind nicht nur belastend — sie können das Gehirn schädigen. Jeder Anfall hinterlässt Spuren, und häufige Anfälle erhöhen das Risiko für den nächsten. Ein Status epilepticus kann lebensbedrohlich sein. Antiepileptische Therapie ist keine Komfortmaßnahme, sondern medizinisch notwendig.
Bei Lärmangst: Chronische Angst ist ein Wohlfahrtsproblem. Hunde, die jedes Jahr an Silvester in Panik verfallen, entwickeln oft eine zunehmende Sensibilisierung — die Angst wird mit der Zeit schlimmer, nicht besser. Nichts zu tun ist keine neutrale Entscheidung.
Kann Pexion mit anderen Medikamenten kombiniert werden?
Ja, Pexion wird häufig als Add-on-Therapie eingesetzt, wenn Phenobarbital allein nicht ausreicht. Die Kombination ist gut verträglich. Wichtig: Imepitoin sollte nicht gleichzeitig mit anderen Benzodiazepinen gegeben werden, da beide an denselben Rezeptor binden und die Wirkung unvorhersehbar verstärkt werden kann. Das gilt auch für Silvester — wer seinem Hund Pexion gibt, sollte kein zusätzliches Diazepam dazugeben, ohne das mit dem Tierarzt abzusprechen.
Wie lange dauert es, bis Pexion bei Epilepsie wirkt?
Die erste Wirkung zeigt sich meist innerhalb der ersten 1–2 Wochen. Eine vollständige Beurteilung der Anfallskontrolle ist aber erst nach 6–8 Wochen möglich, weil Anfälle unregelmäßig auftreten. Erst dann entscheidet der Tierarzt, ob die Dosis erhöht werden muss.
Kann ich Pexion einfach absetzen, wenn mein Hund keine Anfälle mehr hat?
Nein. Pexion darf nie abrupt abgesetzt werden. Das Absetzen muss schrittweise und unter tierärztlicher Aufsicht erfolgen, sonst drohen Rebound-Anfälle — also Anfälle, die durch das plötzliche Fehlen des Medikaments ausgelöst werden. Auch wenn dein Hund über Monate anfallsfrei war, bleibt das Risiko bestehen.
Wann soll ich Pexion vor Silvester geben?
Die Empfehlung laut Zulassung ist: 2 Tage vor dem erwarteten Lärmereignis beginnen, 30 mg/kg zweimal täglich, und bis mindestens einen Tag danach weiterführen. Wer also am 31. Dezember abends Feuerwerk erwartet, beginnt am 29. Dezember morgens. Beim ersten Mal empfiehlt sich ein Probelauf einige Wochen vorher, um zu sehen, wie der Hund reagiert.
Mein Hund frisst unter Pexion viel mehr — ist das normal?
Ja, Polyphagie ist die häufigste chronische Nebenwirkung. Das ist keine Fehlfunktion des Medikaments, sondern ein bekannter Effekt. Wichtig ist, die Futtermenge anzupassen und das Gewicht regelmäßig zu kontrollieren — Übergewicht erhöht langfristig andere Gesundheitsrisiken.
Hilft Pexion auch bei Angst vor Gewittern?
Ja. Eine randomisierte, doppelblinde Studie zeigte signifikante Verbesserungen bei Hunden mit Gewitterangst gegenüber Placebo. Die Dosierung ist dieselbe wie bei Feuerwerksangst: 30 mg/kg zweimal täglich. Für saisonale Gewittersaisons kann der Tierarzt eine längere Behandlungsphase empfehlen.
Brauche ich für Pexion regelmäßige Blutkontrollen?
Bei Langzeittherapie wegen Epilepsie ja — nicht weil Pexion die Leber schädigt (das tut es nicht), sondern um den allgemeinen Gesundheitszustand zu überwachen und sicherzustellen, dass die Anfallskontrolle stabil ist. Typischerweise alle 6 Monate. Bei der Kurzzeitgabe für Silvester sind keine Blutkontrollen nötig.
Kann Pexion bei Welpen oder trächtigen Hündinnen eingesetzt werden?
Nein. Pexion ist nicht für Welpen unter 6 Monaten, für tragende oder laktierende Hündinnen zugelassen. In diesen Fällen muss der Tierarzt alternative Therapieoptionen abwägen.
Quellen
- Clinical efficacy and safety of imepitoin in comparison with phenobarbital for the control of idiopathic epilepsy in dogs. Journal of Veterinary Pharmacology and Therapeutics. 2015.
- Effectiveness of imepitoin for the control of anxiety and fear associated with noise phobia in dogs. Journal of Veterinary Internal Medicine. 2019.
- Efficacy, safety, and tolerability of imepitoin in dogs with newly diagnosed epilepsy in a randomized controlled clinical study with long-term follow up. BMC Veterinary Research. 2015.
- Evaluation of Pexion (imepitoin) for treatment of storm anxiety in dogs: A randomised, double-blind, placebo-controlled trial. Veterinary Record. 2021.
- The use of imepitoin (Pexion) on fear and anxiety related problems in dogs – a case series. BMC Veterinary Research. 2017.
- Evidence-based advances in canine and feline epilepsy. BMC Veterinary Research. 2016.
- Imepitoin Shows Benzodiazepine-Like Effects in Models of Anxiety. Frontiers in Pharmacology. 2018.
- Investigating the potential of the anti-epileptic drug imepitoin as a treatment for co-morbid anxiety in dogs with idiopathic epilepsy. BMC Veterinary Research. 2017.