Epilepsie ist die häufigste neurologische Erkrankung beim Hund. Wenn dein Hund gerade seinen ersten Anfall hatte, ist das ein Schock — und die Fragen kommen alle auf einmal: Ist das lebensbedrohlich? Was mache ich beim nächsten Mal? Muss er jetzt lebenslang Tabletten nehmen? Dieser Artikel beantwortet genau das.
- Wie gefährlich? Einzelne Anfälle sind selten lebensbedrohlich — ein Anfall über 5 Minuten oder mehrere Anfälle innerhalb einer Stunde sind ein Notfall.
- Häufigkeit: In Großbritannien sind 0,82 % aller Hunde betroffen; bestimmte Rassen wie Border Collie und Labrador sind häufiger betroffen.
- Behandelbar: Mit Medikamenten werden bei vielen Hunden die Anfälle deutlich reduziert oder ganz gestoppt — ein normales Leben ist möglich.
- Lebenserwartung: Hunde mit idiopathischer Epilepsie haben eine mediane Überlebenszeit von 10,4 Jahren — die Diagnose bedeutet nicht automatisch ein kurzes Leben.
- Kosten: Diagnostik 200–600 €, Medikamente dauerhaft 20–80 € pro Monat je nach Präparat und Körpergewicht.
- Wichtigste Sofortmaßnahme: Beim Anfall ruhig bleiben, Hund nicht festhalten, Zeit stoppen, Tierarzt anrufen wenn der Anfall länger als 5 Minuten dauert.
Was ist Epilepsie beim Hund?
Epilepsie ist keine einzelne Krankheit, sondern ein Syndrom: wiederkehrende Anfälle durch unkontrollierte, synchrone Entladungen von Nervenzellen im Gehirn. Das Gehirn verliert kurzzeitig die Kontrolle über sich selbst. Was dabei nach außen sichtbar wird, hängt davon ab, welche Hirnregion betroffen ist.
Die International Veterinary Epilepsy Task Force (IVETF) unterscheidet drei Hauptkategorien[2]:
- Idiopathische Epilepsie: Genetische oder vermutete genetische Ursache, kein struktureller Hirnbefund. Das ist die häufigste Form beim Hund.
- Strukturelle Epilepsie: Anfälle durch eine nachweisbare Hirnläsion — Tumor, Entzündung, Trauma, Schlaganfall.
- Epilepsie unbekannter Ursache: Kein struktureller Befund, aber auch kein klarer genetischer Hintergrund nachweisbar.
Diese Unterscheidung ist nicht akademisch. Sie entscheidet über Prognose, Behandlung und was du langfristig erwarten kannst.
Welche Hunde sind besonders häufig betroffen?
Epilepsie tritt bei allen Rassen auf — aber nicht gleich häufig. Border Collies und Labrador Retriever zeigen die höchste rassenspezifische Prävalenz für idiopathische Epilepsie[2][3]. Auch Golden Retriever, Belgische Schäferhunde, Beagle und Dackel sind überdurchschnittlich häufig betroffen.
Bei Französischen Bulldoggen und anderen brachyzephalen Rassen kommt strukturelle Epilepsie durch Fehlbildungen des Hinterhauptbeins (Chiari-ähnliche Malformation) hinzu — ein anderer Mechanismus, aber ähnliche Anfallsbilder.
Alter spielt eine wichtige Rolle für die Einordnung:
| Alter beim ersten Anfall | Wahrscheinlichste Ursache | Diagnostischer Fokus |
|---|---|---|
| Unter 6 Monate | Strukturell oder metabolisch | Entzündung, Fehlbildung, Vergiftung, Stoffwechselstörung |
| 6 Monate – 6 Jahre | Idiopathisch (genetisch) | Rassengeschichte, Ausschlussdiagnostik |
| Über 6 Jahre | Strukturell (Tumor, Infarkt) | MRT, Liquoruntersuchung zwingend |
Ein Senior der mit 9 Jahren seinen ersten Anfall bekommt, hat sehr wahrscheinlich keinen genetischen Hintergrund. Hier muss man nach einer strukturellen Ursache suchen — und das verändert die gesamte Behandlungsstrategie.
Wie sieht ein epileptischer Anfall aus?
Die meisten Menschen denken bei Epilepsie sofort an das klassische Bild: Hund fällt um, zuckt mit allen vier Beinen, ist bewusstlos. Das ist der generalisierte tonisch-klonische Anfall — aber bei weitem nicht der einzige Typ.
Generalisierter Anfall
Beide Hirnhälften sind gleichzeitig betroffen. Der Hund verliert das Bewusstsein, fällt auf die Seite, die Muskeln verkrampfen und zucken rhythmisch. Häufig kommt es zu Speicheln, Hecheln, unkontrolliertem Urinieren oder Kotabsatz. Der Anfall selbst dauert meist 1–3 Minuten.
Fokaler Anfall
Nur ein Teil des Gehirns ist betroffen. Das Bild ist subtiler und wird deshalb oft übersehen oder fehlgedeutet. Typische Zeichen:
- Zucken nur einer Körperhälfte oder einzelner Muskeln (Gesicht, Vorderbein)
- Plötzliches Starren ins Leere, „Abwesenheit“
- Kauende oder schmatze Bewegungen ohne erkennbaren Grund
- Plötzliche Angst, Unruhe, Suchen nach dem Besitzer ohne erkennbaren Auslöser
- Episodisches Erbrechen kombiniert mit Verwirrung
Fokale Anfälle können in generalisierte Anfälle übergehen. Sie können auch allein auftreten — und werden dann manchmal als Panikattacke oder Verhaltensauffälligkeit fehlinterpretiert.
Der Anfall im Schlaf
Epileptische Anfälle treten häufig im Schlaf oder kurz nach dem Aufwachen auf, weil in diesen Phasen die Anfallsschwelle niedriger ist. Das ist kein Zufall, sondern Physiologie: Im Tiefschlaf verändern sich Neurotransmitter-Gleichgewichte. Wenn dein Hund nachts zuckt und du dir nicht sicher bist, ob es ein Anfall oder normales Träumen ist: Träumen geht vorbei wenn du ihn ansprichst, ein Anfall nicht.
Die drei Phasen eines Anfalls
Ein epileptischer Anfall hat fast immer drei Phasen, die du kennen solltest:
- Präiktal (vor dem Anfall): Minuten bis Stunden vorher — Unruhe, Suchen nach Nähe, Speicheln, Zittern, Verwirrung. Manche Hunde zeigen das regelmäßig, andere gar nicht.
- Iktal (der Anfall selbst): Sekunden bis Minuten — das eigentliche Anfallsgeschehen mit Bewusstlosigkeit oder Bewusstseinsveränderung.
- Postiktal (nach dem Anfall): Minuten bis Stunden — Desorientierung, Blindheit, Schwäche, übermäßiger Hunger oder Durst, Erschöpfung. Das ist normal und klingt ab.
Das postiktale Verhalten beunruhigt viele Halter mehr als der Anfall selbst. Ein Hund der nach dem Anfall gegen Wände läuft, dich nicht erkennt oder stundenlang schläft — das ist die Erholungsphase des Gehirns. Sie klingt ab. Wenn sie länger als 24 Stunden anhält, ist das ein Grund zum Tierarzt.
- Anfall dauert länger als 5 Minuten (Status epilepticus) → sofort Notfalltierarzt, lebensbedrohlich
- Mehr als 2 Anfälle innerhalb von 24 Stunden (Cluster-Anfälle) → sofort, auch wenn jeder einzelne kurz war
- Erster Anfall überhaupt → noch am selben Tag oder nächsten Morgen zum Tierarzt
- Postiktale Phase länger als 24 Stunden → Tierarzt aufsuchen
- Anfall bei einem Hund über 6 Jahre ohne Epilepsie-Vorgeschichte → zeitnah zum Tierarzt, MRT-Abklärung nötig
- Anfall mit Fieber über 39,5 °C → mögliche Enzephalitis, Notfall
Was tun während eines Anfalls?
Das ist die Frage, die in dem Moment zählt. Die Antwort ist kontraintuitiv für viele: Weniger ist mehr.
- Ruhe bewahren: Dein Hund bemerkt deinen Stress nicht während des Anfalls, aber du brauchst einen klaren Kopf für die nächsten Schritte.
- Zeit stoppen: Sofort auf die Uhr schauen. 5 Minuten fühlen sich wie 20 an — du brauchst die echte Zeit für den Tierarzt.
- Hund nicht festhalten: Krämpfe durch Festhalten zu stoppen funktioniert nicht und kann dich verletzen. Den Hund sanft von Treppen oder Möbeln weghalten — das reicht.
- Nichts in den Mund stecken: Hunde verschlucken während Anfällen nicht die Zunge. Finger oder Gegenstände im Mund können zu schweren Bissverletzungen führen.
- Umgebung sichern: Scharfe Kanten, Treppen, Wasser in der Nähe — das wegräumen oder den Hund sanft wegbewegen.
- Filmen wenn möglich: Ein Video des Anfalls ist für den Tierarzt extrem wertvoll. Wenn du jemanden dabei hast, soll die andere Person filmen während du beim Hund bleibst.
- Hund nicht festhalten oder einschränken: Verletzungsgefahr für dich und den Hund.
- Kein Wasser ins Gesicht: Aspirationsgefahr.
- Nicht schreien oder laut sein: Reize können den postiktalen Zustand verlängern.
- Keine Notfallmedikamente ohne Verschreibung geben: Diazepam rektal oder intranasal nur wenn vom Tierarzt verschrieben und eingewiesen.
Wie wird Epilepsie diagnostiziert?
Es gibt keinen einzelnen Test der sagt: „Dein Hund hat Epilepsie.“ Die Diagnose ist immer ein Ausschlussverfahren — und das kostet Zeit und Geld.
Der Tierarzt wird zunächst eine vollständige Blutuntersuchung machen: Leber, Niere, Blutzucker, Elektrolyte. Viele Anfälle haben metabolische Ursachen die behandelbar sind. Erst wenn das ausgeschlossen ist, geht es weiter.
| Untersuchung | Zweck | Ungefähre Kosten |
|---|---|---|
| Blutbild + Organwerte | Metabolische Ursachen ausschließen | 80–150 € |
| Urinuntersuchung | Nierenfunktion, Toxine | 30–60 € |
| Blutdruck | Hypertensive Enzephalopathie | 20–40 € |
| MRT Gehirn | Strukturelle Läsionen, Tumor, Entzündung | 600–1.200 € |
| Liquoruntersuchung | Enzephalitis, Infektionen | 200–400 € (zusätzlich zum MRT) |
| EEG (selten) | Anfallsmuster bestätigen | 300–500 € |
Bei einem jungen Hund einer Hochrisikorasse mit typischem Anfallsbild kann der Tierarzt die Diagnose idiopathische Epilepsie auch ohne MRT stellen — wenn Blutbild und neurologische Untersuchung unauffällig sind. Bei Hunden über 6 Jahren oder bei atypischen Befunden ist das MRT aber nicht optional.
Medikamente: Was wirkt, was kostet es, was sind die Nebenwirkungen?
Die gute Nachricht zuerst: Es gibt mehrere wirksame Medikamente. Die ehrliche Nachricht: Es dauert oft Monate bis die richtige Dosis gefunden ist, und manche Hunde brauchen eine Kombination.
Phenobarbital und Kaliumbromid haben die stärkste Evidenzbasis; Levetiracetam und Imepitoin zeigen günstige Sicherheitsprofile[1].
| Medikament | Wirkweise | Typische Dosierung | Monatliche Kosten | Wichtigste Nebenwirkungen |
|---|---|---|---|---|
| Phenobarbital | Erhöht GABA-Aktivität, dämpft Neuronenfeuern | 2–5 mg/kg 2× täglich | 15–40 € | Sedierung anfangs, Leberwerte erhöht (regelmäßige Kontrolle nötig), Polyphagie, Polydipsie |
| Kaliumbromid | Erhöht Chlorid-Leitfähigkeit, stabilisiert Zellmembranen | 20–30 mg/kg 1× täglich | 10–25 € | Sedierung, Ataxie, Pankreatitis (Katzen: kontraindiziert), langsame Aufsättigung (Monate) |
| Imepitoin | Partieller GABA-A-Agonist, niedrigeres Sedierungsrisiko | 10–30 mg/kg 2× täglich | 60–120 € | Schläfrigkeit, Erbrechen, Ataxie — insgesamt gut verträglich |
| Levetiracetam | Hemmt synaptische Vesikelproteine (SV2A) | 20 mg/kg 3× täglich | 40–100 € | Sedierung, Verhaltensänderungen (selten), günstigstes Sicherheitsprofil |
Phenobarbital ist im Langzeit-Follow-up Levetiracetam als Monotherapie überlegen — höhere anfallsfreie Raten, bessere Langzeitdaten[7]. Trotzdem ist Imepitoin für viele Hunde die erste Wahl, weil es keine Betäubungsmittelvorschriften hat und das Sedierungsrisiko geringer ist.
Bei refraktärer Epilepsie — wenn ein Medikament allein nicht reicht — wird kombiniert. Phenobarbital als Add-on zu Imepitoin erreicht eine Responderrate von 79 %, Kaliumbromid als Add-on 69 %[8].
69 % der Hunde erreichen mit Levetiracetam als Zusatztherapie eine mindestens 50-prozentige Reduktion der Anfallsfrequenz[4].
Nicht jeder Hund mit Epilepsie braucht sofort Dauertherapie. Die meisten Neurologen empfehlen den Beginn wenn:
- Mehr als 1 Anfall pro Monat auftritt
- Cluster-Anfälle oder Status epilepticus aufgetreten sind
- Die Anfälle nach dem ersten Ereignis rasch häufen
- Der Hund nach Anfällen schwere oder lange postiktale Phasen zeigt
- Strukturelle Epilepsie diagnostiziert wurde
Ein einzelner Anfall im Jahr ist kein automatischer Grund für Dauertherapie — aber das entscheidet der Tierarzt gemeinsam mit dir, nicht die Frequenz allein.
Was passiert wenn Epilepsie unbehandelt bleibt?
Das ist eine Frage die viele stellen aber kaum jemand direkt beantwortet. Die Antwort hängt stark von der Anfallsfrequenz ab.
Seltene Anfälle (ein- bis zweimal im Jahr) ohne Cluster und ohne Status epilepticus: Das Risiko für bleibende Hirnschäden ist gering. Viele Hunde leben Jahre ohne Therapie — aber das Risiko für Häufung ist real und schwer vorherzusagen.
Häufige Anfälle oder Cluster ohne Behandlung: Jeder Status epilepticus ist ein Notfall mit echter Sterblichkeit. Wiederholte schwere Anfälle können durch Exzitotoxizität — also durch die Überstimulation von Nervenzellen — dauerhaften Hirnschaden verursachen. Das Gehirn wird durch unkontrollierte Anfälle nicht „trainiert“, sie zu tolerieren. Im Gegenteil: Anfälle können weitere Anfälle begünstigen (Kindling-Effekt).
Unbehandelte strukturelle Epilepsie durch einen wachsenden Tumor: Hier ist die Grunderkrankung das Problem, nicht nur die Anfälle.
Lebenserwartung mit Epilepsie
Die mediane Überlebenszeit bei idiopathischer Epilepsie beträgt 10,4 Jahre[6]. Das ist eine wichtige Zahl — sie bedeutet, dass viele Hunde mit Epilepsie ein langes, gutes Leben führen.
Was die Prognose verschlechtert:
- Strukturelle Ursache (Tumor, schwere Enzephalitis)
- Häufige Cluster-Anfälle trotz Therapie
- Status epilepticus-Episoden
- Schlechtes Ansprechen auf Medikamente (refraktäre Epilepsie)
- Begleiterkrankungen (Leber, Niere)
Was die Prognose verbessert:
- Idiopathische Epilepsie mit genetischem Hintergrund
- Gutes Ansprechen auf das erste Medikament
- Niedrige Anfallsfrequenz vor Therapiebeginn
- Konsequente Medikamentengabe ohne Unterbrechungen
Die Frage nach dem Einschläfern
Diese Frage verdient eine direkte Antwort, weil sie viele Halter bewegt und kaum jemand sie offen anspricht.
Epilepsie allein ist kein Grund zum Einschläfern. Die meisten Hunde mit gut eingestellter Epilepsie haben eine gute Lebensqualität. Aber es gibt Situationen, in denen das Thema berechtigt auf den Tisch kommt:
- Refraktäre Epilepsie mit täglichen oder wöchentlichen schweren Anfällen trotz optimaler Therapie
- Strukturelle Epilepsie durch einen inoperablen Tumor mit schlechter Prognose
- Schwere Nebenwirkungen aller verfügbaren Medikamente
- Anhaltende schwere kognitive Beeinträchtigung zwischen den Anfällen
Wenn du in dieser Situation bist: Hol dir eine zweite Meinung bei einem veterinärmedizinischen Neurologen. Nicht weil der Erstbefund falsch sein muss — sondern weil du für eine so schwere Entscheidung alle Optionen kennen solltest.
Anfälle häufen sich — was jetzt?
Wenn ein Hund der bisher gut eingestellt war plötzlich mehr Anfälle bekommt, gibt es mehrere mögliche Gründe:
- Medikamentenspiegel gefallen: Körpergewicht hat sich verändert, Resorption hat sich verändert, Medikament wurde vergessen oder die Dosis reicht nicht mehr.
- Toleranzentwicklung: Besonders bei Kaliumbromid und Phenobarbital möglich — Blutspiegelkontrolle klärt das.
- Auslöser: Stress, Schlafentzug, Hitze, neue Medikamente, Impfungen, Hormonschwankungen (Läufigkeit bei Hündinnen kann Anfälle auslösen — hormonell bedingte Epilepsie ist real).
- Progression der Grunderkrankung: Bei struktureller Epilepsie kann die Ursache fortschreiten.
- Neue Erkrankung: Leberprobleme durch Phenobarbital können paradoxerweise die Anfallskontrolle verschlechtern.
Bei plötzlicher Häufung: Blutspiegelkontrolle des Medikaments und Organwerte — das ist der erste Schritt, bevor die Dosis erhöht wird.
Auslöser: Was kann Anfälle triggern?
Epilepsie hat eine genetische oder strukturelle Grundlage, die sich nicht wegdiskutieren lässt. Aber Auslöser können die Anfallsschwelle senken und einen Anfall zu einem bestimmten Zeitpunkt triggern. Was gut belegt ist:
- Schlafmangel und Erschöpfung: Erhöht die neuronale Erregbarkeit nachweislich.
- Stress: Umzug, neue Familienmitglieder, Trennung, Tierarztbesuche — akuter Stress kann Anfälle auslösen.
- Läufigkeit bei Hündinnen: Hormonelle Schwankungen, besonders der Progesteronabfall, können die Anfallsschwelle senken. Kastration kann in diesen Fällen helfen.
- Bestimmte Medikamente: Metronidazol, Fluorchinolone und einige andere Antibiotika können die Anfallsschwelle senken — immer den Tierarzt über die Epilepsie-Diagnose informieren.
- Fieber: Erhöhte Körpertemperatur senkt die Anfallsschwelle.
Ernährung und Darm-Hirn-Achse
Das ist ein Bereich mit wachsender Forschungslage, der noch nicht in der Routinepraxis angekommen ist — aber relevant genug um ihn zu erwähnen.
Hunde mit idiopathischer Epilepsie zeigen signifikant reduzierte GABA- und kurzkettige Fettsäuren produzierende Darmbakterien im Vergleich zu gesunden Hunden[9]. Lactobacillus-Supplementierung zeigt erste modulierende Effekte auf das Darmmikrobiom epileptischer Hunde[10].
Was das praktisch bedeutet: Es gibt erste Hinweise, dass eine darmfreundliche Ernährung und Probiotika die Anfallskontrolle unterstützen könnten. Das ist kein Ersatz für Medikamente — aber es ist kein Hokuspokus mehr. Sprich deinen Tierarzt darauf an.
CBD/CBDA-Kombination reduzierte in einem kontrollierten Versuch die Anfallsfrequenz bei medikamentenresistenter Epilepsie um 43 % gegenüber Placebo[5]. Das ist ein interessantes Ergebnis aus einem RCT — aber es ersetzt keine etablierte Therapie und sollte nur in Absprache mit dem Tierarzt eingesetzt werden.
Beim Menschen ist die ketogene Diät eine anerkannte Zusatztherapie bei therapieresistenter Epilepsie. Für Hunde gibt es bisher keine ausreichenden kontrollierten Studien. Einzelne Fallberichte sind vielversprechend, aber die Datenlage reicht nicht für eine generelle Empfehlung. Wenn du das ausprobieren möchtest: nur in Absprache mit einem Veterinärernährungsspezialisten, weil eine falsch zusammengestellte ketogene Diät beim Hund gefährlich sein kann.
Alltag mit einem epileptischen Hund — konkrete Tipps
Epilepsie ist eine Dauerdiagnose. Der Alltag muss sich anpassen — aber nicht komplett umkrempeln.
- Anfallstagebuch führen: Datum, Uhrzeit, Dauer, Typ, Auslöser, postiktale Phase. Das ist die wichtigste Information für deinen Tierarzt und für dich. Apps wie SeizureTracker funktionieren auch für Hunde.
- Medikamente zur gleichen Uhrzeit geben: Gleichmäßige Blutspiegel sind entscheidend. Auch am Wochenende, auch im Urlaub.
- Notfallmedikament besprechen: Wenn dein Hund zu Cluster-Anfällen neigt, sollte dein Tierarzt dir Diazepam rektal oder Midazolam intranasal verschreiben und einweisen.
- Blutkontrollen nicht auslassen: Bei Phenobarbital alle 6 Monate Leberwerte und Medikamentenspiegel. Das ist nicht optional.
- Urlaubsplanung: Tierarzt am Urlaubsort ausfindig machen, Medikamente für mindestens 2 Wochen extra mitnehmen, Befunde und Medikamentenliste dabei haben.
- Andere Betreuungspersonen einweisen: Wer auf deinen Hund aufpasst, muss wissen was zu tun ist. Schreib es auf.
Kann mein Hund mit Epilepsie noch ein normales Leben führen?
Ja — die meisten Hunde mit gut eingestellter Epilepsie haben eine normale Lebensqualität. Sie können spielen, spazieren gehen, mit anderen Hunden interagieren. Einschränkungen gibt es vor allem beim Schwimmen (Beaufsichtigung nötig) und bei unbeaufsichtigtem Aufenthalt in der Nähe von Treppen oder Wasser. Die mediane Überlebenszeit bei idiopathischer Epilepsie beträgt 10,4 Jahre.
Wie erkenne ich ob mein Hund einen Anfall hat oder nur träumt?
Träumende Hunde zucken, winseln und bewegen die Pfoten — aber sie reagieren wenn du sie ansprichst oder sanft berührst. Bei einem Anfall ist dein Hund nicht ansprechbar, der Körper ist steif oder krampft unkontrolliert, und er reagiert nicht auf deinen Namen. Im Zweifel: Zeit stoppen. Wenn es nach 30 Sekunden nicht aufhört und dein Hund nicht reagiert, ist es wahrscheinlich ein Anfall.
Muss mein Hund die Tabletten wirklich lebenslang nehmen?
Bei idiopathischer Epilepsie in der Regel ja. Das Absetzen von Antiepileptika ist riskant und sollte nur unter tierärztlicher Aufsicht versucht werden — und nur wenn dein Hund über mindestens 1–2 Jahre anfallsfrei war. Abruptes Absetzen kann einen schweren Rückfall oder Status epilepticus auslösen.
Ist Epilepsie beim Hund erblich? Darf ich meinen Hund noch züchten?
Idiopathische Epilepsie hat eine starke genetische Komponente bei vielen Rassen. Hunde mit idiopathischer Epilepsie sollten nicht zur Zucht eingesetzt werden — das ist eine Empfehlung der meisten Zuchtverbände und aus veterinärmedizinischer Sicht klar. Geschwister und Elterntiere sollten ebenfalls auf Anfallsgeschichte untersucht werden.
Was kostet die Behandlung von Epilepsie beim Hund insgesamt?
Diagnostik: 200–1.800 € je nach Aufwand (mit oder ohne MRT). Laufende Medikamentenkosten: 15–120 € pro Monat je nach Präparat und Körpergewicht. Regelmäßige Blutkontrollen: 80–150 € alle 6 Monate. Über 10 Jahre summiert sich das auf mehrere tausend Euro. Eine Tierkrankenversicherung die Epilepsie abdeckt, sollte vor der Diagnose abgeschlossen sein — danach gilt es meist als Vorerkrankung.
Kann Stress wirklich Anfälle auslösen?
Ja. Stress senkt die Anfallsschwelle nachweislich. Das bedeutet nicht, dass dein Hund keinen Stress haben darf — aber es ist sinnvoll, bekannte Stressoren zu minimieren und Routinen beizubehalten. Besonders Läufigkeit bei Hündinnen ist ein gut dokumentierter hormoneller Auslöser.
Mein Hund hat nach dem Anfall mich nicht erkannt und war stundenlang desorientiert — ist das normal?
Ja, das ist die postiktale Phase und sie ist normal. Das Gehirn braucht nach einem Anfall Zeit zur Erholung. Temporäre Blindheit, Desorientierung, Hunger, Erschöpfung — das kann Stunden dauern. Wenn es länger als 24 Stunden anhält oder sich von Mal zu Mal verschlimmert, ist das ein Grund zum Tierarzt.
Quellen
- Evidence-based advances in canine and feline epilepsy. BMC Veterinary Research. 2016.
- Breed-specific epilepsies carry a high burden in pure-bred dog populations and underscore the need for long-term pedigree analysis to unravel their genetic background. BMC Veterinary Research. 2015.
- Epidemiology of epilepsy in dogs in the UK. Journal of Veterinary Internal Medicine. 2018.
- Seizure-free outcome in a clinical setting for dogs with idiopathic epilepsy treated with levetiracetam. BMC Veterinary Research. 2015.
- Use of cannabidiol-rich hemp extract added to conventional antiepileptic treatment in dogs with refractory epilepsy. Frontiers in Veterinary Science. 2022.
- Epilepsy in dogs in Japan: a retrospective study applying the IVETF classification. BMC Veterinary Research. 2016.
- Long-term follow-up of levetiracetam versus phenobarbital treatment in dogs with idiopathic epilepsy. The Veterinary Journal. 2016.
- Phenobarbital versus potassium bromide as add-on to imepitoin for treatment of dogs with refractory idiopathic epilepsy. The Veterinary Journal. 2017.
- Gut microbiota in dogs with idiopathic epilepsy: a pilot study. Animals. 2021.
- Effect of Lactobacillus acidophilus on the gut microbiome of dogs with epilepsy: a pilot study. Animal Microbiome. 2020.